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Christus als Künstler


1. Juli 2020

Die Synthese von Oscar Wilde und Dostojewskij in Nietzsche

Von Panja Lange

 

Christus als Künstler – Wenn ich das Thema meiner Überlegungen nenne, ruft diese Zusammenstellung in der Regel Erstaunen, Irritation hervor: Was hat der denn gemalt?

Ich will nicht entscheiden, ob Jesus Christus ein Künstler war. Aber die Zuordnung hat für mich eine persönliche, ästhetische Evidenz: Sie vermag zu erhellen, was ein Künstler ist, was ich bin.

Voraussetzung dieser Denkfigur ist ein Reden von Christus, das weder auf den historischen Nazarener noch auf seine christologische Umdeutung zielt. Tertium datur. Meine Arbeit fragt also danach, was am Bild des gekreuzigten Erlösers auch jenseits von Glaubensinhalten nicht aufzugeben und nicht loszuwerden ist.

Auf der anderen Seite führen meine Gedanken zu einem Verständnis des Künstlers, das nicht länger vom Werk ausgeht, sondern die Person als Werk begreift. (Also eben nicht: Was hat er denn gemalt? Sondern: Wie ist seine psychologische Beschaffenheit, an welcher Krankheit leidet er?)

 

Dass die Kunstgeschichte einen überreichen Fundus an Christusportraits aufweist, lässt sich leicht aus der Tatsache erklären, dass alle Kunst zunächst sakrale (und damit in unserem Kulturkreis über viele Jahrhunderte hinweg christliche) Kunst war. Dies erklärt jedoch nicht die auffällige Häufung von künstlerischen Selbstdarstellungen in der Rolle des Gekreuzigten. Wie motiviert sich die Identifikation des Künstlers mit der Christusfigur? Was bindet uns an den Mann aus Nazareth?

 

Ich versuche in meinem Buch, drei Autoren, die auf höchst unterschiedliche Weise die Christusfigur als Künstler verstehen, miteinander ins Gespräch zu bringen: Oscar Wilde, Fjodor Michailowitsch Dostojewskij und Friedrich Nietzsche.

Damit bewegen sich meine Überlegungen im ausgehenden 19. Jahrhundert, am Moment des Umbruchs zur Moderne. Ich möchte aufzeigen, wie und warum gerade zu diesem historischen Zeitpunkt (und in engem Zusammenhang mit einer Persönlichkeit wie Oscar Wilde) ein Künstlerbild geprägt wurde, das es vom 21. Jahrhundert aus betrachtet als Mythos zu enttarnen gilt, dessen existentielle Problemstellung gleichwohl nicht erledigt ist.

 

Oscar Wilde nennt in seiner Schrift Die Seele des Menschen unter dem Sozialismus Christus den höchsten Individualisten und sieht den Künstler als den einzigen Verwirklicher von Individualität unter den bestehenden Bedingungen. So entsteht eine Verbindung zwischen der Christusfigur und dem Künstlertypus, die Wilde in seinem Brief aus dem Gefängnis wenige Jahre später noch einmal aufnimmt, modifiziert und präzisiert. Erst die eigene persönliche Leiderfahrung zwingt den Dichter und Dandy im Gefängnis dazu, zum Individualismus als Bindeglied zwischen Christus und Künstler noch einen Gegenspieler hinzuzuziehen: die Fähigkeit, „[…] durch die und durch die allein wir andere Menschen in ihren realen wie in ihren ideellen Beziehungen verstehen können.“[1] Mit diesen Worten, die er in seinem Brief dreimal wiederholt, beschreibt Oscar Wilde das Wesen künstlerischer Fantasie als Compassio, Mitleid.

 

Einige Jahrzehnte früher und in einem anderen Kulturkreis (in dem die Wertschätzung des Leids geradezu zur kulturellen Identität gehört) stellt Dostojewskij die Verbindung zwischen der Christusfigur und dem Künstler über Opferbereitschaft und Krankheit her.

In seinem Roman Der Idiot führt er die spezifisch russische Figur des Gottesnarren in Person des idiotischen Christus aus und identifiziert sich persönlich mit seiner Titelfigur. Der russische Schriftsteller leiht seinem Fürst-Christus die eigenen Gesichtszüge, Traumata und Fertigkeiten, bis hin zur heiligen Krankheit, der Epilepsie. Und er stattet ihn aus mit der Kraft, aus der er selbst seine künstlerische Produktivität schöpft und die zugleich seine künstlerische Notsituation begründet: einem Übermaß an Empathie.

Mit dieser Fähigkeit lässt er seinen Idioten schmählich scheitern und kann doch nicht von ihm lassen.

„Damit nicht genug, wenn mir jemand bewiese, daß Christus jenseits der Wahrheit sei und tatsächlich die Wahrheit außerhalb von Christus wäre, dann würde ich eher bei Christus bleiben als bei der Wahrheit.“[2]

In seinem letzten großen Roman Die Brüder Karamasow fügt Dostojewskij mit der Legende vom Großinquisitor seiner Christusidentifikation eine weitere Facette hinzu. Zum kranken Idioten tritt der schweigende Verführer.

Meine Arbeit versucht aufzuzeigen, inwiefern Dostojewskijs Christusbild, in dem er persönlich als Künstler sich wiedererkennt, erst komplettiert wird, wenn bei der Betrachtung die großen Gegenspieler-Figuren hinzugezogen werden: Der Großinquisitor, Iwan Karamasow und Ippolit Terentjew werden in ihrem jeweiligen Ringen um Individualität zum Gegenchristus stilisiert. Sie sind ebenso alter ego des Schriftstellers wie Myschkin, Aljoscha Karamasow und der Christus des Poems. Die berühmten Rededuelle in Dostojewskijs Werk sind folglich als Selbstgespräche zu verstehen.

 

Wenn auf der einen Seite Christus als Künstler durch Scheitern, Selbstaufgabe und Mitleid zum Inbegriff des Opfers wird und auf der anderen Seite als höchster Individualist vorgestellt, so geraten die Christusidentifikationen Dostojewskijs und Wildes in einen existentiellen Widerspruch.

Diesen Widerspruch gilt es nun in Nietzsches Gedanken zum Schluss wieder aufzufinden und zur Synthese zu bringen, wobei der Syntheseversuch unbedingt ein prekärer sein muss (so wie Nietzsches Denksituation zum Schluss eine prekäre war).

 

Nietzsches Schrift Der Antichrist gehört zu den letzten Manuskripten, die er selbst noch zur Veröffentlichung bestimmte. Sie enthält Irritationspotential. Zum Einen erinnert der Erlöser des Antichristen mehr an Dostojewskijs Idioten als an den Jesus des Neuen Testaments, obschon es keine zuverlässigen Belege einer Lektüre dieses Romans durch Nietzsche gibt. Zum Zweiten wird der Leser den Eindruck nicht los, dass dem deutschen Philosophen beim Schreiben seines finalen Angriffs auf das Christentum gänzlich unverhofft (wenngleich keineswegs unlogisch) eine Liebe zu seiner Christusfigur passiert. Die Zuneigung mündet in den letzten schriftlichen Äußerungen, den sogenannten Wahnsinnszettelchen des Januars 1889, in totale Identifikation. Neun dieser Brieffragmente unterzeichnet Nietzsche als Der Gekreuzigte.

So gerät Nietzsches Christus notwendig zu einer höchst zwiespältigen Figur. Seine decadénce ist „[…] Folge einer extremen Leid- und Reizfähigkeit, welche überhaupt nicht mehr ‚berührt’ werden will, weil sie jede Berührung zu tief empfindet.“[3] Dennoch bleibt er die einzige Hoffnung auf Erlösung vom ressentiment.

In ihrer jeweiligen Position zwischen diesen Extremen sehe ich bei Wilde, Dostojewskij, Nietzsche im Verlauf meiner Arbeit eine dramaturgische Steigerung: von Schwanken über Eingespanntsein zur Zerrissenheit. Wer schwankt, ist noch nicht eingespannt, wer eingespannt ist, noch nicht zerrissen. Als Leitbild dient der Extremfall der Koinzidenz, der die Gegensätze in sich versöhnt (und gleichwohl daran zerbricht).

Der Gekreuzigte ist Derjenige, der im Scheitern siegen will. Meine Arbeit versucht zu erklären, warum auch dem Künstler kein anderer Weg zum Erfolg offensteht.

 

Christus als Künstler ist aufgespannt zwischen Extremen: Scheitern und Erlösung, Individualismus und Opfer, Mitleid und Selbstliebe, Fluch und Berufung, Freiheit und Unfreiheit, Macht und Ohnmacht, Fülle und Leere, Nein und Ja, Vermögen und Krankheit, Gott und Mensch. Und er überbrückt darin (in seinem Sein) eine Kluft. Vielleicht ist er auch nur Derjenige, der die Kluft schmerzlicher empfindet als Andere.

„Kunst ist die Fähigkeit, sich kreuzigen zu lassen, ohne daß der Vorhang im Tempel zerreißt.“ Adorno, 1920

(Theodor-W.-Adorno-Archiv (Hg.), Adorno – Eine Bildmonographie, Suhrkamp 2003, S. 57)

 

[1] Oscar Wilde, Brief aus dem Gefängnis (Übersetzung Susanne Luber) in Bd. 5 (Spätwerke) der Neuen Zürcher Werkausgabe, Gerd Haffmans bei Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2004,  S. 114

[2] Fjodor M. Dostojewski, Briefe, Insel-Verlag, Leipzig 1984, Bd. 1 S. 112

[3] Friedrich Nietzsche, Der Antichrist in Bd. 6 der Kritischen Studienausgabe (KSA), herausgegeben von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, Deutscher Taschenbuch Verlag de Gruyter, München 1999, S. 200f

 

Das Buch: Panja Lange, Christus als Künstler, Text & Dialog Verlag Dresden www.text-dialog.de

2 Kommentare zu “Christus als Künstler”

  1. Olivier Elmer schrieb am 03.07.2020 um 21:34 Uhr:
    Der Religionsphilosoph Eugen Biser hatte den Eindruck, als habe Nietzsche erwartungsvoll auf Jesus geschaut, bevor er sich endgültig in sich selbst verschlossen habe. Vielleicht strahlt er in Edvard Munchs Portrait deshalb so viel Ruhe aus.
    • Panja Lange schrieb am 07.07.2020 um 12:48 Uhr:
      Das ist eine schöne Beobachtung. Wo haben Sie das bei Biser gefunden?

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